www.hoertipps.de >> Einzelhörspiele >> Liebe 4
Hagen Rether - Liebe 4
Rezension von Alex Sölch
Inhalt: Die Welt wird immer komplizierter, das Geflecht aus politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten zunehmend undurchsichtig. Während Hagen Rether die Fäden entwirrt und sich wieder darin verstrickt, unermüdlich ordnet und vermeintlich Wohlsortiertes umwirft, erscheint dahinter die Eitelkeit der (Ohn-)Mächtigen und hinter eitlen Politikergefechten der Lobbyismus - Verkäufer und Verkaufte erkennen sich für einen kurzen Moment im Spiegel. Es wäre zum Verzweifeln, wenn die Protagonisten nicht so lächerlich wären...
Meinung:
Zu kaum einer Zeit ist die Alltagspolitik so bedeutsam gewesen wie zu Beginn des Jahres 2011. Die anhaltende Finanzkrise sorgt für Wut und sorgenvolle Mienen bei den Bürgern, der in der öffentlichen Presse geradezu angehimmelte Karl-Thedor Freiherr von und zu Guttenberg muss seinen Hut nehmen, in Nordafrika bahnen sich zeitgleich Revolutionen ihren Weg und zu aller Übel versetzt ein Tsunami und die sich anschließende Atomkatastrophe in Fukushima innerhalb weniger Minuten die gesamte Weltbevölkerung in Angst und Schrecken. Grund genug für Hagen Rether, die "Liebe"-Serie um eine weitere Episode, "Liebe 4" zu ergänzen. Im vierten Bühnenstuck des in Bukarest geborenen Kabarettisten bleibt sich der preisgekrönte Charmeur dabei selbst treu und plaudert über all die Skurrilitäten, die sich tagtäglich im politischen und sozialen Rahmen ereignen. Verwunderlich ist, wie zeitlos seine Ausführungen sind. WortArt veröffentlicht mit "Liebe 4" Mitschnitte der Auftritte in Frankfurt am Main vom Mai 2011 und Dortmund im November 2011, doch noch in vielen Jahren wird man Rethers Kommentaren beipflichten können und müssen.
Die Person Guttenberg bietet zugleich den Aufhänger dieses Bühnenprogramms. Liebevoll als "die Sau" bezeichnet, wirft Rether einen Blick auf den schmalen Grat zwischen glaubwürdigem Politiker und tricksendem Akademiker, stellt die kritische Hypothese, die Deutschen müssten wohl bloß einmal beweisen, dass sie ihre Politiker ebenso wie die arabischen Bürger auch übers Netz absägen könnten. Es sind diese scharfsinnigen, provokanten und zynisch trocken vorgetragenen Thesen, mit denen Hagen Rether sein Auditorium erreicht und nachhaltig umstimmt. Keiner wird widersprechen können, dass die Medien jedes Jahr aufs Neue ein gefundenes Fressen finden, wenn die Nachrichtenlage zum Sommer hin dünner wird. Als Beispiele hierfür dienen ihm unter anderem BSE ("Wussten Sie, dass weniger Menschen an BSE gestorben sind als am Konsum von Lampenöl?") und die Zeckenplage, die regelmäßig zwei Wochen im Mai öffentlich Erwähnung finde.
Mit solchen Beispielen erlangt er die uneingeschränkte Sympathie und ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Zuhörerschaft. Wiederholt spricht er sie direkt an und zeigt mit der Frage, ob sie denn schon Winterreifen gewechselt hätten, auf, mit welch absurden Thematiken sich eine wohlhabende Bevölkerung Tag für Tag herumschlägt, ohne über die Wurzel des ökonomischen Erfolges nachzudenken. Sogar Mao Tse Tung sieht er als Grund für den Erfolg, erneut erweist sich dabei seine Argumentation als intelligent und geradlinig. So gelingt es Rether anfangs in unvergleichlicher Manier, wiederkehrend über den Reifenwechsel vom Hundertsten ins Tausendste zu gelangen. Während ständig vor der drohenden Gefahr durch Terror gewarnt würde, krepierten jedes Jahr 70.000 Deutsche an Alkohol. Hätten die Bürger, also wir, deswegen Angst vor Riesling?Terroristen habe es zu jeder Zeit gegeben, Beweise fünden sich in der Bibel zuhauf. Al Kaida sei im Übrigen unlängst im digitalen Zeitalter angekommen, Al Kaida 2.0 finde sich sozusagen im Wohnzimmer wieder. Kann man Rether in all diesen Punkten widersprechen? Wohl kaum. Er offenbart, wie töricht die Medienberichterstattung bisweilen sein kann. Während diese nämlich den Fokus auf ausländische Gefahren lege, lauere die Gefahr in der Ohnmacht der inländischen Politiker, der unbändigen Macht der Ratingagenturen und in dem Fakt, dass ein durchschnittlicher Facharbeiter dreimal so viel Gehalt wie ein Grundschullehrer verdiene.
Gefühlt geschähen alle Anschläge in U-Bahnen und Kaufhäusern, doch nur Flughäfen würden überwacht, jeder Fluggast bis auf die blanke Haut geröncht. Die Apokalyptiker von damals säßen heute in den Ethikkommissionen. In all diesen Momenten wirkt Rether einerseits ruhig, andererseits deutlich spürbar innerlich aufgebracht. Brechen kann er die angespannte Stimmung durch rohe Fakten, mittels derer er aufzeigt, dass sich die Gesellschaft vermutlich im Kreis drehe. Wer wusste vor dieser Produktion schon, dass George Orwells Haus, also das Wohnhaus des Autors von "1984", heute ein kameraüberwachtes Museum ist? Rether weiß es und fühlt der erstaunten wie belustigten Zuhörerschaft stakkatoartig Absurditäten vor Augen, bis man sich vor ihnen nicht mehr verstecken kann und offen anerkennen muss, dass er Recht beweist.
Fukushima sehe im Fernsehen aus wie ein Hütchenspiel, würde verniedlicht. Die Wasserwerfer zum Löschen der Anlage habe man zugleich aber vorher genutzt, um Atomkraftgegner von der Straße zu befördern. Logik sucht man in der hier offengelegten Realität vergeblich. Plötzlich merke man auch, dass Gaddafi "voll der Arsch" gewesen sei. Ihm selbst, Rether, habe man das schon vor 25 Jahren gelehrt. Damals hat sich die atomare Tragödie in Tschernobyl ereignet, ebenso ist Tripolis bombadiert worden. Wechselt man den Namen der Stadt der Atomkatastrophe aus, sei die Zivilisation anno 2011 keinen Schritt weiter als 1986. Nun könnte man zurecht behaupten, der scharfzungige Rether argumentiere einseitig, doch der Fluss seiner Worte und Argumentationsketten ist schlichtweg beeindruckend.
Höhepunkt des Programms ist Rethers Behauptung: "Wenn Gaddafi ausgepackt hätte, hätte Sarkozy mit Berlusconi auf Elba Doppelkopf spielen können." Sie zeigt auf, dass die vermeintlich gerechte westliche Welt genug Dreck am Stecken für einige Glaubwürdigkeitskrisen hätte, der Bevölkerung wesentliche Informationen fehlten. Rether versucht, diese Karten offenzulegen, obgleich Information und Transparenz in der heutigen Zeit zum Selbstzweck geworden seien. Er beleuchtet die Abgründe des Kapitalismus, der Integrationsheuchelei (zugespitzt: "Wenn du Tore schießt, darfst du reden wie Mesut Özil"), des Waffenhandels und der Religion (Katholiken schafften es schließlich noch nicht einmal, eine Oblate mit Protestanten zu teilen, suchten aber den Konsens mit dem Islam). Letzten Endes gelangt er zu dem ernüchternden Schluss, dass das alles doch nur ein Kindergeburtstag sei. Dann herrscht Stille im Raum.
Wohl muss man dem wahlweise in Essen lebenden Rether auch bei dieser Aussage Recht geben. Doch in dem großen Kindergeburtstag finden sich zugleich einige Sternstunden wie solche Kabarettaufführungen. Es ist nicht die beste der "Liebe"-Episoden, wohl aber die zeitloseste, denn in einigen Dekaden wird man "Liebe 4" noch als mahnendes Kulturgut betrachten können.
Note 2



