www.hoertipps.de
>> Serien >> MindNapping >> Das Geschwür


MindNapping - Das Geschwür


Rezension von Alex Sölch

Inhalt: Der Winter kam früh. Sogar für North Dakota. Der Schnee nahte unaufhaltsam aus nordöstlicher Richtung. Ich konnte ihn bereits spüren. Himmel und Horizont verschmolzen zu einem diffusen Grau. Die sichtbare Welt schrumpfte auf wenige Quadratkilometer. Ich stand auf meiner Veranda und dachte darüber nach, dass meinem Heimatort Easthope mal wieder eine harte Zeit bevorstand. Ich sollte mich irren. Es würde unerträglich werden. Mit dem Schnee zog das namenlose Grauen in die Stadt ein. Und niemand war da, um uns zu retten.

Story: Eine Schrotflinte mitsamt Kreuz auf dem Frontmotiv und der Titel "Das Geschwür" lassen den flüchtigen Betrachter des Covers vom siebten Teil der "MindNapping"-Reihe zunächst ratlos zurück. Und auch nach dem Hörspiel ist man nur bedingt klüger hinsichtlich des Begriffes Geschwür, den Vorstellungen des Zuhörers lässt der bereits zum zweiten Mal für die "MindNapping"-Reihe schreibende Raimon Weber genügend Raum. Eines jedoch ist sicher: das Dunkle geht um in Easthope, einer verschneiten Durchschnittsstadt im Herzen des nordamerikanischen Kontinents. Genau das kann Raimon Weber anhand tiefgehender Szenen verdeutlichen, die Assoziationen mit berühmten Filmen nach Motiven von Stephen King möchten schier nicht enden, die 60 Minuten Spielzeit vergehen wie im Fluge. So handelt Weber zwar nach den typischen Motiven eines Psychothrillers, lässt überirdische Elemente zum Vorschein kommen und ist nur wenig darauf bedacht, die im Raum stehenden Vermutungen aufzuklären, doch gibt es eben auch wiederholt Szenen, die für Spannungsreize sorgen, deren Ausgänge unklar sind und zum Weiterhören veranlassen. Der Wiederhörfaktor ist trotz der rund gestrickten Handlung besonders hoch, mit jedem Hören fallen neue Facetten und Verstrickungen der Charaktere untereinander auf, kleine Spitzfindigkeiten und selbst leiseste Geräusche dringen in den Gehörgang vor. Selten in jüngster Zeit schuf ein Skriptautor eine derart flüssige und unterhaltsame Hörspielfolge, die am Ende mit einem filmreifen Höhepunkt aufwartet.

Sprecher: Raimon Weber erlangte im Hörspielbereich große Popularität durch sein Engagement bei "Darkside Park", auch "Das Geschwür" weist zumindest hinsichtlich der Erzählperspektive einige bemerkenswerte Parallelen auf. Einen allwissenden Erzähler im klassischen Sinne gibt es nicht, stattdessen fungiert die Figur des Pete Glover als am Geschehen mitwirkender Erzähler. Schilderungen, die sehr von Unsicherheit und Informationsasymmetrie unter den Protagonisten geprägt sind, erinnern an die unterschiedlichen Charaktere, welche bei "Darkside Park" in kleinen Schritten das dort lauernde dunkle Geheimnis aufbröselten. Ebenso kann Gordon Piedesack authentisch vermitteln, was in Easthope geschieht, allerdings nicht restlos aufklären, womit es die im wahrsten Sinne des Wortes verrückt werdende Bevölkerung zu tun bekommt. Ihm zur Seite stehen Sprechergrößen wie Robert Missler, Wolf Frass, Douglas Welbat oder Konrad Halver, die allesamt außergewöhnliche Darbietungen zu leisten haben, die fernab jeglicher gewöhnlicher Intonation im Dialog sind. Zwar kamen einige der Sprecher schon in vorherigen Folgen zum Zuge, nichtsdestotrotz fällt es aufgrund der markanten Stimmen nicht schwer, die unterschiedlichen Rollen auseinanderhalten zu können. Dass selbst vermeintlich unbedeutende Nebenrollen mit Sprechern wie Tammo Kaulbarsch, Sascha Rotermund, Julia Fölster oder Leonhard Mahlich besetzt werden, zeugt nicht nur von starker Qualität, sondern auch von den exzellenten Verbindungen, die Produzent Patrick Holtheuer in die Hörspielszene unterhält.

Musik und Effekte: Marcel Schweder ist einmal mehr hauptverantwortlich für Musik, Mix und Mastering einer "MindNapping"-Folge. Für "Das Geschwür" wählt er musikalisch beklemmende Klänge aus, vom ersten Moment an weisen sie den Rezipienten in eine düstere, depressive Richtung und ein Umkehren gibt es während der gesamten Folge nicht. Die schemenhafte Skizzierung der unheimlichen Vorkommnisse findet vor allem in der Imagination des Hörers statt, glücklicherweise verzichtet man auf Splattersounds oder ähnliches, sodass die kühle Stimmung von Easthope auf den Zuhörer uneingeschränkt übergeht und sich nicht in einem Effektechaos verliert. Selbst für das Krächzen von Vögeln findet Schweder passende Geräusche, wohingegen zu den Höhepunkten gerne eine noch impulsivere Mischung möglich gewesen wäre. So ist die technische Produktionsseite gewohnt gut, das absolute Highlight fehlt mir in dieser Hinsicht dennoch und ist Bestandteil eines optimal gelungenen Hörspiels.

Fazit: Eine rundum gelungene Produktion liefern Raimon Weber, die mitwirkenden Sprecher sowie Regisseur und Produzent Patrick Holtheuer ab, wenngleich die Liebe im Detail stellenweise fehlt. So hätte mehr Tiefgang bei den Musiken der Folge gut zu Gesicht gestanden, hier und da könnte auch ein überraschender Klang eingesetzt werden, um drohendes Unheil anzukündigen. Wohl ist das weniger die gewollte Machart, stattdessen liegt mit "Das Geschwür" ein Thrillerhörspiel vor, dessen Ende trotz kleinerer Mäkel in jedem Fall überrascht und sich nahtlos in die Riege der guten Hörspiele einfügt, welche die noch junge "MindNapping"-Serie der wachsenden Zuhörerschaft bislang beschert hat. "Das Geschwür" ist definitiv eines: spannend. Dank einer interessant gestrickten Handlung und der ständigen Frage nach der unsichtbaren lenkenden Hand im Hintergrund des Geschehens.

Note 2+